Rezension zu “GRM – Brainfuck” von Sybille Berg

Die großartige Sybille Berg hat ihre Leserschaft auch 2019 nicht im Stich gelassen. Mit einer herausragenden Beobachtungsgabe und einer unbeirrbaren Ehrlichkeit zeigt sie dem Unbegriff des Jahres 2016 – Digitalisierung – den Mittelfinger.

Aber der Reihe nach; „GRM“ ist Grime und das ist wütend und gefährlich. Grime ist die postmoderne Variante des Punks, der traditionell aus England kommt. Diesmal spielt sich das Sozialdrama allerdings vor den Toren Manchester, in der Plattenbauwüste Rochdale, ab. In den Slums, die sich der Millionenstadt anschließen, kämpfen vier Kinder ums nackte Überleben. Und das eben auch nackt. Das Buch erzählt von den Jahren des Erwachsenwerdens und der Sehnsucht nach familiären Verhältnissen in einer sich zur Unpersönlichkeit entwickelten Gesellschaft. Dabei gleitet den Jugendlichen regelmäßig der Sinn des Überleben-Wollens aus den Fingern. Die Vier werden wütend, verzweifelt, hoffnungsvoll und dann wieder wütend und bei all dem hören sie Grime vor dem trist grauen Hintergrund ihrer Umwelt.

“GRM – Brainfuck” von Sybille Berg

Die anfangs sieben (oder acht) jährige Don lebt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einer feuchten Sozialbauwohnung. Don ist ein Mädchen. Aber ihre Mutter schätzt das weibliche Geschlecht nicht sonderlich und behütet stattdessen den emotional schwachen Bruder. Don ist zu klein, zu wütend und hasst die ganze Welt. Aller Negativität zum Trotz verliebt sie sich im Laufe der Erzählung in Hannah.
Hannah ist höchstwahrscheinlich asiatisch. Aber wer kann schon genaue ethnische Hintergründe beurteilen in einer Stadt wie Rochdale. Sie wächst anfänglich in der Mittelschicht von Liverpool auf, bevor die Eltern ihren Job verlieren und ebenfalls in ein Sozialbau umziehen. Hier lernt sie Karen kennen.
Karen ist zwar hochbegabt, wird allerdings als Albino nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch innerhalb der Familie verachtet. Ihrer Intelligenz geschuldet, versteckt sie sich oft in Büchern und saugt das biologische Weltwissen auf. Karen versteht die Tragweite ihres vorgefertigten Lebensweg und betäubt ihre Gedanken mit Drogen und Sex.
Der vierte im Bunde ist Peter. Der psychologisch auffällige, wunderschöne Peter wurde von seiner polnischen Mutter nach England geschleppt. Aber auch hier redet er eigentlich nie, sondern ist lediglich da. Hannah kann seiner Schönheit nicht widerstehen, sodass die beiden irgendwas zwischen Beziehung und Vertrauensverhältnis aufbauen.

Der Text ist mehr als nur sein Inhalt

Doch dieser Roman wäre nicht von Sybille Berg, wenn die Grenzen der Geschichte ihr Inhalt wären. Das Medium, mit dem diese Geschichte erzählt wird, ist ein einzigartiges Buch. Die Titelseite ist auf dem tief weinroten Einband geprägt. Die ebenfalls weinrote Lesekordel ähnelt auf den leicht pergamentfarbenen Seiten einem Blutrinsal. In den Händen geöffnet, offenbart das Buch ein grandioses Medium: Den Text; also die Zeichensetzung, die Anordnung und Gestaltung der Wörter. Dieses Buch – ist eben ein Buch und hat damit eigentlich keinen Platz in der Digitalisierung. „GRM“ scheint seine Rolle in der Gesellschaft nicht zu kennen und ist damit einfach, was es ist: Ein Buch, das die bitterbösen Konsequenzen unserer digitalen Gesellschaft ungeschönt erzählt.

Don, Hannah, Karen und Peter stehen, wie jeder andere Mensch, vor der Herausforderung des Erwachsenwerdens. Inmitten von Gewalt, Drogen, emotionaler Erpressung, (nicht) einvernehmlichem Sex und vorbestimmten tristen Lebensläufen findet die Digitalisierung aller Lebenswelten statt. Versuch Du mal hier Erwachsen zu werden.

Bleibt gesund! Eure AL

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