Moderner Feminismus in Weimar?

erschienen im “dass blatt” am 16.07.2020


Endlich! ist von Gleichberechtigung die Rede. Endlich! geht es nicht mehr um äußere Geschlechtsmerkmale.


Weimar ist unumstritten die bunte Blase Thüringens. Die Kultur- und Kunstlandschaft der Stadt zieht zahlreiche Freidenkende in den gemütlichen Mittelalter-Charme. Dieser Umstand erlaubt die Diskussion um Gender-Gleichberechtigung, die von diversen Initiativen und Gruppierungen der Stadt gefüttert wird.

Soweit die Theorie, die Praxis aber sieht im verschlafenen Weimar ganz anders aus. Wohin MANN guckt, trifft der Blick auf Frauenbewegungen und -initiativen. Nicht nur in Weimar schlägt ein Feminismus um sich, der sich im Jahr 2020 nicht mehr zeitgemäß anfühlt.

Unser Problem…

Der Begriff „Feminismus“ schlug enorme Wellen in der Gesellschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts. Seitdem wurde das Frauenwahlrecht eingeführt, sexuelle Übergriffe sind nun auch in einer Ehe strafbar und die „traditionelle Rolle der Frau“ wird Schritt für Schritt aufgelöst. Frauen sind Menschen, die ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe haben: ein Hoch auf den Feminismus! Aber Feminismus bedeutet nicht die Ausgrenzung der anderen Geschlechter, sondern die Stärkung des Weiblichen. Es sollte um strittige Themen wie Abtreibung, der Prozess der Geburt oder sozialisierte Schönheitsideale gehen. Stattdessen verbreiten sich in Weimar reine Frauenbewegungen, elitäre Kreise, die ausschließlich für Frauen sind und damit eben auch exkludierend. Sogar ich – als Frau – fühle mich nicht hinreichend inkludiert, weil ich eben Frau sein muss, um mitmachen zu dürfen und so erneut auf Brüste und Hintern reduziert werde. Das geht gegen jeden Sinn von Gleichberechtigung.

Ich verstehe die Wut der Gruppierungen, ausgelöst durch eine Jahrhunderte lange Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. Es ist mir allerdings schleierhaft, wie Vertreterinnen dieses Geschlechts mit reinem Gewissen auf Biegen und Brechen auf eine fortlaufende Unterdrückung – inzwischen eben gegen das männliche Geschlecht – bestehen.

Sind wir, die privilegierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, nicht klüger, sensibler und geradezu offener geworden? Ist es nicht an der Zeit die Geschlechterdebatte auf eine neue Ebene zu heben?

… aber nicht unsere Lösung

Anstatt ein einzelnes Gender zu bevor- oder zu benachteiligen, müsste doch eine flächendeckende Gender-Gleichberechtigung Raum finden können. Der Raum ist perfekt: Wo sonst könnten wir diese privilegierte Diskussion führen, wenn nicht im bunten, toleranten Weimar. Zu dieser produktiven Diskussion gehört auch – heute mehr als sonst irgendwann – die Akzeptanz offener Kritik und eine Kompromissbereitschaft, die sich nicht an äußeren Geschlechtsmerkmalen oder sexuellen Neigungen orientiert. Weimar im Jahr 2020 könnte der Ausgangspunkt sein, an dem wir geschlechtsspezifische Vorurteile abbauen, jeden Menschen als gleich betrachten und damit eine ganz neue Form der Gleichberechtigung befeuern.


Frauen sind Menschen. Männer sind Menschen. Non-binäre Menschen sind Menschen. WIR – auch du und ich – sind Menschen. Begegnen wir uns auch als solche: mit Respekt und offener Kommunikation. Es lebe die Diversität!


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