Das Internet in meinen Händen

„gefolgt von niemanden, dem du folgst. twittertagebuch 2009-2020“ heißt das erste veröffentlichte Buch von Jan Böhmermann, das am 10.09.2020 bei Kiepenheuer & Witsch erschien.


Böhmermann ist ja bekannt dafür mit Form und Inhalt zu spielen. Ein Gedicht wird zur internationalen Staatsaffäre, eine Reportage führt zur Einstellung eines Sendekonzepts.

Jetzt hat Böhmermann das Internet ausgedruckt. Das Buch ist ganz im KiWi-Stil gehalten und äußerst ansprechend. Das Cover ist geprägt, es gibt ein Leseband und der Einband ist mit rauem Stoff überzogen.

Der Inhalt besteht aus einem kurzen Vorwort des Autors gefolgt von 450 Seiten gedruckten Tweets.

“gefolgt von niemanden, dem du folgst. twittertagebuch 2009-2020” von Jan Böhmermann
Tweets mit allem, was dazu gehört: Hashtags, Verlinkungen, Screenshots. Seite 142

In den elf Jahren bis zur analogen Publikation seines Twitter-Accounts hat der Satiriker 25.106 Tweets veröffentlicht. Chronologisch geordnet und nach Jahren kategorisiert, können nun auch alle Nicht-Twitternde die losen Internetgedanken von Jan Böhmermann lesen. Mehr noch; Am Tag der Veröffentlichung werden alle Tweets von @janboehm gelöscht und sind damit nicht mehr frei verfügbar.

Obwohl das Twittertagebuch viele Seiten zählt, sind dennoch nicht alle 25.106 Tweets darin gedruckt. Wozu auch? Das liest ja dann doch niemand mehr. Also haben Jan Böhmermann und ein Lektor des KiWi-Verlags fleißig kuratiert und nur einige Tweets zu Papier gebracht. Nach welchen Kriterien die Tweets ausgewählt wurden, bleibt uns Lesenden leider ein Rätsel. Bereits hier wird uns also die Meinung des Autors aufgezwungen und es bleibt kaum Raum, selbst eine Perspektive zu entwickeln.

Viele der Tweets sind mit Fußnoten versehen, die mit Hintergrundinformationen zu gesellschaftlichen und politischen Ereignissen auftrumpfen. Aber auch diese Fußnoten strotzen vor Meinungen des Autors. Dieses Meinungskorsett wird noch enger, wenn einem auffällt, dass es sogar zeitliche Ungereimtheiten gibt.

Das ist leider nur ein Beispiel der fehlenden zeitlichen Stringenz. Ob es sich dabei um Flüchtigkeitsfehler des Lektorats handelt oder ob es einen Sinn dahinter gibt, bleibt offen. Seite 322

Interessanterweise wird auch die Medienblase, in der Jan Böhmermann sich befindet, deutlich nachgezeichnet. Personen des öffentlichen Lebens, wie Katrin Bauerfeind, Olli Schulz, Guilia Becker oder auch Saša Stanišić, kommen zu Wort. Da die Twitternamen nicht immer eindeutig ihren Besitzenden zuzuordnen sind, gibt es auch hier eine kurze Erklärung in Form von Fußnoten. Und erneut zieht sich das Meinungskorsett zusammen und es lassen sich persönliche Vorlieben erkennen. Beispielsweise wird Patrick Strenzel als „Mensch“ vorgestellt und suggeriert der Leserschaft bereits, ob es sich um „Freund“ oder „Feind“ handelt.

Regelrecht unterhaltsam sind die Live-Ticker des Autors, die zahlreiche Medien- oder Politikereignisse in Echtzeit kommentierten.

Zugegeben ist es ein wenig seltsam ein Buch in der Hand zu halten und sich Tweets durchzulesen. Digital macht unvernetzt eigentlich keinen Spaß. Das wäre ja wie analog, nur kleiner mit größerem Volumen. Aber „gefolgt von niemanden, dem du folgst“ soll auch gar nicht Spaß machen, zumindest nicht vorrangig.

Das Twittertagebuch ist politische Bildung par excellence. Innen- und Außenpolitik, Rechtsextremismus, Flüchtlings- und Migrationspolitik, Medienpolitik werden kommentiert, in einen Kontext gesetzt und mit Lösungsansätzen oder Blödsinn gespickt.

Böhmermann hat es tatsächlich geschafft, das Internet in die Wirklichkeit zu bringen und das politische Internet strotzt vor Rechtsextremismus. Das Buch zeigt deutlich – und in der analogen Form nun wirklich für alle lesbar – wie sich die Politik in den letzten elf Jahren verändert hat. Rechte und rechtsextreme Parteien habe die Macht der digitalen Medien längst durchschaut und gelernt, sich zu vernetzen, wirkungsvolle Propaganda zu betreiben und ihre skurrilen Ideologien erfolgreich zu verbreiten. Das alles passiert, während Parteien der politischen Mitte seit über einem Jahrzehnt über die Kommunikationsform „Internet“ schmunzeln. Dabei ist es den digitalen Medien völlig egal, ob diese Menschen verstehen, was da vor sich geht oder nicht. Wer nicht zum Spielen auf den Spielplatz geht, kennt eben die anderen Kinder der Umgebung nicht. Den Spielplatz gibt es trotzdem.

Das politisch linke Spektrum ist bis auf sehr wenige Ausnahmen überhaupt nicht vertreten und damit digital unsichtbar. Wo genau diese Parteien ihre Netzwerkarbeit ausführen, weiß Twitter schon mal nicht.

Als Mediengestalt drückt Jan Böhmermann den Finger immer wieder tief in die Wunde der Digitalpolitik, die leider auch 2020 noch auf der Strecke bleibt und fordert lautstark:

Seite 367

Bleibt eigentlich nur noch zu hoffen, dass endlich auch Menschen ohne Digitalhintergrund Tweets lesen. Das Internet ist Realität, mit oder ohne Druckversion.


Bleibt glücklich, AL

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